Lohnt sich diese Frage denn? Gibt es überhaupt so etwas wie einen „guten Einstieg“ und lässt sich so etwas planen? Ehrlich gesagt, kannst Du nur zurückblickend beurteilen, ob Du die richtigen Entscheidungen für Dich getroffen hast. Trotzdem stellst Du gerade zu Beginn Deiner Karriere relevante Weichen dafür.

Deshalb wollte ich Dir das folgende Video nicht vorenthalten. Es ist ein kurzer Vortrag von keinem geringeren als dem Vorstand von PwC Deutschland, Hans Wagener. Darin gibt er Studenten an der Uni Göttingen Empfehlungen für den Einstieg in das Beraterleben. Die Thesen und Empfehlungen von ihm möchte ich für Dich nun etwas aufbrechen und meine Einschätzung dazu geben.

Steile Thesen für den Anfang

Im ersten Teil des Videos gibt Herr Wagener vier Thesen zum Einstieg in die Unternehmensberatung zum besten. Diese vier Thesen lauten:

  1. Unternehmensberatung muss ein durch Zugangsvoraussetzungen qualifizierter und durch Regulierung qualitätsgesicherter Beruf werden.
    Das klingt erst einmal allgemein, ist aber auf den zweiten Blick nicht irrelevant. Denn tatsächlich ist der Begriff „Unternehmensberater“ nicht geschützt und jeder darf sich so bezeichnen. Aber ist Regulierung hier wirklich notwendig? Ich bin nicht der Meinung, denn gerade die fachliche und persönliche Vielfalt macht gute Beratung erst aus. Natürlich gibt es Bereiche wie z.B. die Steuerberatung, für die gewisse Staatsexamen nötig sind. Du musst aber kein zertifizierter Scrum Master sein, um diese Rolle in einem Projekt zu übernehmen. Viel mehr plädiere ich dafür, Führungskräfte mündig in der Auswahl ihrer Berater zu machen. Die ersten Schritte sind in dem Buch „The Executive’s Guide to Consultants„* von David Fields beschrieben.
  2. Tappen Sie nicht in die Spezialistenfalle.
    Das stimmt, allerdings nur mit Einschränkung. Denn als absoluter Generalist ohne spezielle Fähigkeiten oder Wissen ist es schwierig irgendwo Fuß zu fassen. Du wirst keinem so richtig weiterhelfen können oder ein Projekt zum Abschluss bringen können. Was Herr Wagener wohl tatsächlich mit der These meinte, wird bei den Empfehlungen weiter unten noch mal beschrieben.
  3. Wer harmoniebedürftig ist, ein konstantes Umfeld und feste Arbeitszeiten schätzt, hat in der Unternehmensberatung nichts verloren.
    Dem kann ich definitiv zustimmen. Mit einem klassischen 9-to-5 Job im eigenen Büro hat Unternehmensberatung nichts zu tun. Überstunden, Reisezeiten und oft wechselnde Arbeitsplätze gehören mit dazu. Und es gibt regelmäßig „anspruchsvolle“ Projekte und Kunden, die Dich immer wieder vor neue Herausforderungen stellen (fachlich und persönlich). An diesen Widerständen kannst Du allerdings sehr gut wachsen! Also: Bist Du bereit für das Beraterleben?
  4. Erstellen Sie gemeinsam mit Ihrem Partner/in einen Karriereplan für die nächsten 3-5 Jahre.
    „Schatz, willst mit mir einen Karriereplan machen?“ – Uiuiuiui! Da kannst Du Dir sicher Schöneres für einen Sonntagabend mit Deiner Partner/in vorstellen. Trotzdem solltest Du Dir beruflich konkrete Ziele setzen. Über diese Ziele solltest Du auch mit Deinem Partner oder Partnerin sprechen. Habt Ihr da komplett verschiedene Vorstellungen von den nächsten Jahren?

Klare Empfehlungen für den Einstieg

Im zweiten Teil des Videos gibt es einige klare Handlungsempfehlungen:

  1. Testen Sie durch ein Praktikum, ob Sie der Typ für den Beruf sind.
    Ein Praktikum oder ein Job als Werkstudent ist erst einmal eine gute Idee. Ob Du dort tatsächlich Projekte vor Ort beim Kunden kennenlernst, ist fraglich. Denn das ist oftmals mit Kosten verbunden, die der Kunde nicht trägt. Aber auch intern in einer Unternehmensberatung bekommst Du schon mal einen Eindruck vom tatsächlichen Beraterleben. Denn dort lernst Du die Methoden, Hilfsmittel und vor allem aber die Menschen kennen. Wie bei jedem anderen Praktikum auch ist das für Dich schon mal der sprichwörtliche „Fuß in der Tür“.
  2. Beschäftigen Sie sich intensiv mit Psychologie.
    Auch das ist eine sehr gute Idee. Wenn Psychologie allerdings nicht Dein (studiertes) Fachgebiet ist, dann gilt hier das Pareto-Prinzip. Das bedeutet vereinfacht gesprochen, dass Du Dir 20% des Wissens suchen und aneignen solltest, das Dir 80% des Ergebnisses beschert. Also z.B. was sind die Motive von Menschen, auf welche Arten funktioniert Kommunikation, oder was für Führungsmethoden gibt es?
  3. Bleiben Sie nicht länger als 6 Monate bei einem Mandanten.
    Ein definitives Ja! Allerdings gibt es dazu natürlich Ausnahmen, denn es gibt Projekte, die schon mal länger dauern als ein oder zwei Jahre. Aber es ist sehr wichtig, immer mit neuen Gegebenheiten konfrontiert zu werden oder neu Akquise machen zu müssen. Sonst nimmt Deine Lernkurve zu schnell ab (siehe nächster Punkt). Manchmal musst Du auch sehr darauf pochen den Kunden zu wechseln, weil für Vorgesetzte so natürlich erst mal sicherer Umsatz verloren geht. Ein klarer Vorteil von immer wechselnden Kunden ist aber auch der Aufbau von Deinem Netzwerk. Das ist nicht zu unterschätzen!
  4. Wechseln Sie Ihr Spezialgebiet alle 3 Jahre.
    Das ist die passende Maßnahme zur zweiten These (Spezialistenfalle). Ob das nun in einem 3, 4 oder 5 Jahres-Zeitraum passieren sollte, das ist diskutabel. Fest aber steht, dass Deine Lernkurve abnimmt, sobald Du ein Spezialgebiet zu lange betreust. Und das kann gerade in der Beratung zu Problemen führen. Denn dort ist schnelles Lernen ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Passend dazu das Zitat: „Sobald jemand in einer Sache Meister geworden ist, sollte er in einer neuen Sache Schüler werden.“ (Gerhart Hauptmann)
  5. Springen Sie nicht zu früh auf vermeintlich gute Jobangebote.
    Hier kann ich Herrn Wagener auch zustimmen. Spätestens nach 1-2 Jahren in der Beratung kommen viele Jobangebote durch Xing und LinkedIn auf Dich zu. Wenn Du jetzt nicht widerstehen kannst und quasi einen ähnlichen Job in einem Konzern für leicht besseres Gehalt annimmst, dann hast Du Dich unter Wert verkauft. Natürlich hängt von so einer Entscheidung auch immer Deine persönliche Lebensplanung ab. Aber die besagte Lernkurve wird wahrscheinlich nie wieder so steil sein, wie in der Beratung. Und damit leider auch die Karriereentwicklung.

Plus zwei Bonus-Tipps

Zum Schluss des Videos gibt Herr Wagener noch zwei allgemein gültige Bonus-Tipps. Sie sind nicht weniger wichtig, als die oben genannten Empfehlungen.

  1. Beginnen Sie früh mit dem Aufbau eines persönlichen Netzwerks.
    Damit ist nicht nur eine Verknüpfung auf Facebook oder Xing gemeint, wie er korrekt sagt. Er meint damit Kontakte persönlich zu pflegen und den Menschen, die einem wichtig sind, hier und da zu helfen.
  2. Formulieren Sie für sich ein Motto, unter das Sie Ihre Berufsentwicklung stellen wollen.
    Das ist eine wahnsinnig spannende Frage! Du kennst sicher so ungefähr Deine Lebensabschnitte, Deine Kapitel im Buch Deines Lebens. Aber kennst Du auch den Buchtitel? Was ist Dein höheres Ziel im Leben, wonach Du unabhängig von Deiner Karriere strebst?

PS: Zu dem Thema „Einstieg als Berater“ wird es demnächst auch noch einen zweiten Teil geben. Und dieser zweite Teil stammt aus einem Buch, das es echt in sich hat!