Warum Berater Werte brauchen

Warum Berater Werte brauchen

Meine eigenen Werte zu finden und zu bestimmen habe ich lange als unnötig abgetan. Esoterischer Quatsch! Wozu soll das gut sein? Doch je länger ich mich mit dem Thema Consulting auseinandersetze, desto mehr wird mir bewusst, dass die eigenen Werte und die Werte des Arbeitgebers eine zentrale Rolle in unserer beruflichen Praxis spielen.

Denn als Berater verkaufen wir keine physischen Produkte, die konkrete Eigenschaften haben und mit denen sich Kunden identifizieren können. Unsere Produkte haben kein Label “100% Schurwolle” oder “Made in Germany”. Stattdessen bieten wir Dienstleistungen an, noch dazu meist sehr komplexe. Es ist also eine abstrakte Welt, in der wir uns als Unternehmensberater bewegen.

Dazu kommt: Menschen kaufen nur von Menschen, die sie mögen. Das setzt in meinen Augen gemeinsame Werte voraus. Gleichzeitig ist es für Berater kontraproduktiv, gemocht werden zu wollen. Darauf solltest Du in keinem Beratungsprojekt abzielen. Stattdessen plädiere ich dafür, die eigenen Werte so gut es geht zu ergründen, um sie dann klar kommunizieren zu können.

Was machen gute Werte aus?

Vor einigen Jahren schrieb sich jeder Berater noch “Qualität” auf die Fahnen. Heute wird eine “ganzheitliche Beratung” auf jeder dritten Berater-Webseite angeboten. Agile Methoden inklusive. Welche Werte tatsächlich wichtig sind, verraten solche inhaltsleeren Phrasen leider nicht. Mit einer steigenden Anzahl an Beratern in Deutschland und Plattformen wie LinkedIn oder Xing wird es für potentielle Kunden aber auch Bewerber immer schieriger zu unterscheiden: Wer erzählt nur davon und wer lebt das wirklich?

Deswegen sind gute Werte vor allem eins: greifbar. Erst wenn aus konkreten Beispielen und Situationen aus dem Berateralltag hervorgeht, wie Du für “Qualität” in Deinen Projekten sorgst, dann erst wird der Begriff plastisch. Dass Unternehmen wie etwa Apple auf Qualität achten, erwähnen sie in ihren Präsentationen oder in ihrem Marketing mit keiner Silbe. Trotzdem spürt jeder Apple-Kunde den Qualitätsunterschied zu anderen Produkten deutlich und honoriert das an der Kasse.

Richtig gute Werte sind zudem zeitlos. Bei Immobilien fällt mir immer besonders schnell auf, ob etwas zeitlos gebaut oder entworfen wurde. Ältere Häuser, die heute noch schön aussehen und zudem praktisch sind, werden dies auch in zwanzig Jahren noch sein. Dagegen wird wahrscheinlich so manch modernes Gebäude, das heute in Mode ist, in zwanzig Jahren so aussehen, wie jetzt die Bausünden aus den 1970er Jahren aussehen. Dasselbe Prinzip gilt auch für die Beratung. Denn so einfache Werte wie z.B. Pünktlichkeit oder Ehrlichkeit, die den Umgang mit Deinen Kunden auf einer ersten Ebene ausmachen, waren vor Jahrzehnten wichtig und werden es sicher auch in Zukunft sein.

Werte und ihre Bedeutung sind immer persönlich. Im besten Fall musst Du Dich für die Werte, die Dir besonders wichtig sind, nicht mal anstrengen, um sie auch zu leben. Doch was Dir besonders wichtig ist, mag jemand anderen nur wenig interessieren. Geschwindigkeit im Projekt ist einem Kunden vielleicht egal, Hauptsache das Ergebnis stimmt. Deswegen lohnt es sich, die eigenen Werte zu reflektieren und die vom Gegenüber immer mal wieder zu ergründen. Denn oft gibt es die Möglichkeit gemeinsam an etwas zu arbeiten, auch wenn wir völlig unterschiedliche Arbeitsweisen haben. Wenn die Werte und Rollen gut geklärt sind, dann kann der eine seine Kreativität ausleben und der andere seinen Perfektionismus. Und das ohne, dass dabei Konflikte entstehen.

Schlechte Kompromisse auf Kosten der eigenen Werte führen dagegen schnell zu Unzufriedenheit in jeder Zusammenarbeit. Deswegen ist es umso wichtiger, die eigenen Werte zu finden und klar kommunizieren zu können.

Wie Du Deine Werte findest

Würdest Du lieber eine Rolex oder eine Apple Watch tragen? Lieber eine Swatch oder eher gar keine Uhr? Um ehrlich zu sein, ist die Wahl der Uhr total egal. Sogar für Berater. Die eigentliche Frage dahinter ist: Warum hast Du Dich für eine Sache entschieden?

Geht es Dir bei Deiner Wahl eher um Zugehörigkeit zu bestimmten Menschen oder um Abgrenzung? Um das Erlebnis oder das Ergebnis? Tradition oder Innovation? Denn die Summe solcher Entscheidungen zeigt sehr schnell, welche Werte Dir tatsächlich wichtig sind.

Wenn Du konkret ergründen willst, was Deine Werte sind, dann habe ich hier drei Möglichkeiten für Dich, wie Du das tun kannst:

  1. Aufschreiben: Das ist der direkteste, aber auch kniffligste Weg. Denn Du musst schonungslos ehrlich zu Dir sein. Aber intuitiv weißt Du eigentlich schon, was Dir wichtig ist. Du hast es Dir nur noch nicht bewusst gemacht. Deswegen ist der direkte Weg zum Ziel, Deine Werte einfach zu Papier zu bringen. Dabei kannst Du zuerst zwanzig Werte aufschreiben und dann anfangen, sie auf zehn oder fünf herunterzukürzen. Danach geht es darum sie für Dich einmal zu definieren. Matthias Kolbusa hat genau das in seinem Buch “Konsequenz! Management ohne Kompromisse“* einmal vorgemacht. Zwei Beispiele:
    • Ehrlichkeit bedeutet für mich, das zu sagen was ich denke. Und Konsequenz, das zu tun was ich sage.
    • Verlässlichkeit bedeutet hingegen für Matthias Kolbusa, sich an getroffene Vereinbarungen zu halten oder diese rechtzeitig neu zu verhandeln.
  2. Herantasten: Michael Asshauer hat in seinem Talente-Podcast eine Methode vorgestellt, mithilfe derer Du Deine Assoziationen mit bestimmten Dingen einmal runterschreieben kannst. Dabei entstehen zwar noch keine Werte als Ergebnis, aber lauter Adjektive, die Dich Deinen Werten schon mal einen Schritt näher bringen. Das Ganze ist eine prima Unterstützung für Schritt 1.
  3. Testen: Wer noch mehr Unterstützung beim entdecken seiner Persönlichkeit sucht, der kann sich testen lassen. Mich persönlich hat der “16 Personalities“-Test sehr beeindruckt, weil das Ergebnis auf mich sehr zutreffend war. Der Test ist kostenlos und basiert auf dem “Myers-Briggs-Typenindikator“, der wissenschaftlich noch nicht gut belegt ist. Deshalb musst Du nach dem Test einmal selber für Dich bewerten, ob die Ergebnisse auf Dich zutreffen oder nicht. Auch das ist allerdings nur eine Unterstützung für Schritt 1.

Sich über seine eigenen Werte bewusst werden – also eine Bewusst-Seins-Entwicklung – ist kein einmaliger Prozess. In meinen Augen erfordert das immer wieder Auszeiten, in denen Du Dich bewusst damit beschäftigen kannst. Stephen Covey hat das in seinem Buch “Die 7 Wege zur Effektivität“* so umschrieben: Es lohnt sich ab und zu die Zeit zu nehmen, um die Säge zu schärfen, statt immer weiter den Baum mit einer stumpfen Säge zu sägen. In dem Sinne wünsche ich Dir viel Erfolg dabei!


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Ende 20, aus dem Rheinland und seit einigen Jahren Unternehmensberater. Privat bin ich gerne an Kickertischen oder Kletterwänden unterwegs. Dazu begeistert mich alles, was mit Technik oder Unternehmertum zu tun hat.

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